PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Scheiß auf die Vergangenheit?!?


Klaus K.
05.09.2007, 00:10
Hoffentlich hauen SIE (die JUGEND) uns nicht tot!

Sich der Vergangenheit zu stellen, damit sie nicht auch zur eigenen Zukunft wird, ist die verantwortungsbeladene Aufgabe jeder neuen Generation. Micha Hilgers

Hi folks!

Die Gegenfrage könnte lauten: Wieso Vergangenheit ansehen (reflektieren), wo doch GAR KEINE Zukunft mehr wartet? -
Eine schwierige Situation, in der wir uns befinden. Die Generationen haben natürlich eine heute EXTREM voneinander abweichende Interessenlage. Für den 80jährigen von höchstem Interesse, für den 20jährigen überhaupt nicht mehr interessant. Vielleicht. Die INTUITION der Jungen (geschlechtsunspezifisch gemeint!) signalisiert: Scheiß drauf! Leben gelaufen bevor es angefangen hat!! ZUKUNFT war VORGESTERN. Also: LEBEN bis der Arzt kommt! Wie MAN mittlerweile so sagt. Die HERREN machen es ja seit JAHRTAUSENDEN vor.
Eine schwierige Situation. GLOBAL und LOKAL. DER Titel der, ALLER weiteren, SHELL-Studien zur JUGENDsituation in der globalen Welt müßte lauten, in Weiterführung des Titels in den 50er Jahren Die skeptische Generation: Die um alles weitere BESCHISSENEN folgenden Generationen von HEUTE an.
Das KARIBU des Welt-Klima-Reports von 2004 ist solidarisch und mehr als ratlos.

Klaus K.

"Ödipus - verantwortungslos
VON MICHA HILGERS

Als was soll Ödipus uns gelten? Als schuldlos schuldig Gewordener, Spielball der Götter? Als vergrämter Greis, der unter der Last seiner tragischen Lebenserfahrungen verbittert und zynisch das Ende seiner Söhne und Thebens erwartet? Wo liegen Schuld und Verantwortung, wo lebte Ödipus selbstbestimmt und wo war er Erbe transgenerationaler Konflikte? Hatte er überhaupt eine Wahl oder verhält es sich letztlich so, wie Sophokles uns glauben machen könnte: Ödipus wird in sein Schicksal hineingeboren, dem er nie entkommen kann - trotz verzweifelter Bemühungen?

Der Mythos trifft den Nerv unserer Zeit: Inwieweit lassen neurobiologische Engrammierungen Ödipus überhaupt eine freie Wahl seines Lebensverlaufs? Kann Ödipus sein Schicksal selbst bestimmen oder ist er von Anfang an Sklave seiner genetischen Disposition und seiner frühen traumatischen Lebenserfahrungen, die ihren biologischen Niederschlag im Zentralnervensystem besonders gravierend finden, wenn es um geburtsnahe Traumatisierungen geht? Das Sophokles'sche Drama also als Beweis, dass es keinen freien Willen gibt?
Der Mythos
Ödipus, Sohn des Laios und der Iokaste, bricht auf, um sich Klarheit über seine Identität zu verschaffen, nachdem er erfuhr, dass er nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwuchs. Fürchtend, das delphische Orakel könne sich erfüllen, und er würde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten, flieht er nach Theben. Nachdem er das Sphinx-Ungeheuer besiegte, zieht er triumphal in die Stadt ein und erhält zum Dank die Königin Iokaste, seine leibliche Mutter, zur Frau. Als die Pest über die Stadt hereinbricht, weissagt das Orakel, man müsse die Stadt von dem befreien, der einst König Laois, den Vater des Ödipus, tötete.

Das wirkliche Rätsel seiner Herkunft löst Ödipus nicht: Sein Vater Laios war ein sadistischer Pädophiler, seine Mutter verführte ihn unter dem Einfluss von Alkohol nur ein einziges Mal. Die Geschichte des Ödipus ist untrennbar mit den transgenerationalen Traumen seiner Vorfahren verwickelt.

Sklave seines Schicksals ist Ödipus, solange er es nicht erkennt und selbst daher in Teilen zu bestimmen beginnt.
Ohne Zweifel: Ödipus' Geschichte beginnt weit vor seiner physischen Existenz, entscheidende Würfel sind längst gefallen, lange bevor er zur Welt gekommen ist. Ödipus steht bio-psycho-sozial in der Generationenabfolge seiner Vorfahren, er erbt deren Konflikte und ist mit ihren Deformationen belastet, ohne dass er darauf auch nur den geringsten Einfluss gehabt hätte. Und auch die ersten Jahre seines Lebens verlaufen weitgehend ohne seine Kontrolle. Die entscheidende Wende tritt ein, als Zweifel an seiner Herkunft bei einem Gelage geweckt werden. Die vormalige Selbstverständlichkeit des Daseins weicht der Ungewissheit über die eigene Herkunft und Identität - Zeichen einer potenziell kreativen Adoleszenskrise.

Ohne eine solche Verunsicherung würde Ödipus weitgehend ohne Bewusstsein von sich selbst weitergelebt haben, fraglos, was die eigene Person angeht, jedoch fragwürdig in seiner zweifelsfreien Selbstverständlichkeit.

Doch Ödipus bricht auf - äußerlich, indem er auf Reisen geht, innerlich, indem er sich von seiner Selbstgewissheit verabschiedet. Es ist der Versuch, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, was er jedoch alsbald - nach dem erschreckenden Orakelspruch - mit der Vermeidung von Schuld verwechselt.

Erbe der Vorfahren ist Schicksal

Ödipus
+ Ödipus (FR/Oeser)
Wir teilen mit Ödipus das allgemeine Schicksal, eine relative Position in der endlosen Generationenabfolge einzunehmen. Damit treten wir ein Erbe an, dessen Umfang und Inhalt uns anfangs völlig unbekannt ist und dass zu erhellen erst unsere Aufgabe wird, wenn wir nicht bewusstlos durch unser Leben taumeln wollen. Niemand hat uns gefragt, ob wir mit den Erblasten, den genetischen wie den psycho-sozialen einverstanden sind. Wie Ödipus tragen wir keine moralische Schuld für die Hypotheken, die auf uns lasten. Und ebenfalls wie bei Ödipus entziehen sich viele Ereignisse unserer frühen Kindheit weitgehend unserer Kontrolle. Erst nach und nach beginnen wir bewusster Stellung zu beziehen, und günstigenfalls brechen wir, dem Ödipus gleich, eines Tages auf, unsere Herkunft zu klären und damit unser Schicksal in die Hand zu nehmen - soweit dies eben möglich ist.

Der Aufbruch erfolgt nicht an einem bestimmten Tag wie im Mythos, sondern eher nach und nach, als wachsendes Bewusstsein von sich selbst und der Umwelt. Die Hypotheken, die wir haben, seien es solche, die sich aus den persönlichen Konflikten der Vorfahren ergeben und die auf uns fortwirken, seien es solche die sich aus der kollektiven Historie ergeben, wie bei den deutschen Nachkriegsgenerationen, haben wir nicht verursacht und demzufolge tragen wir auch keine moralische Schuld.

Der Autor
Micha Hilgers ist Psychoanalytiker in Aachen und Supervisor psychiatrischer und forensischer Einrichtungen.
Service: Bisher erschienene Folgen der FR-Ödipus-Serie können bestellt werden via Mail beim Archiv-Leser- service@fr-online.de oder unter Tel.: 069 / 21 99-34 79. Erhältlich ist auch die 15-teilige Hilgers-Serie zum Thema "Liebe, Lust und Leidenschaft" für fünf Euro. Soeben erschien von Hilgers ist das Buch zur FR-Serie "Mensch Ödipus. Konflikte in Familie und Gesellschaft." Vandenhoeck & Ruprecht, 14,90 Euro. Ebenfalls aktuell von ihm:
"Scham. Gesichter eines Affekts."
Vandenhoeck und Ruprecht, 2006.
Die ethische Aufgabe, die uns zukommt, ist, das Erbe bewusst anzutreten und damit Verantwortung zu übernehmen - auch dort, wo wir auf den Verlauf der Geschichte, der persönlichen wie überpersönlichen, niemals haben Einfluss nehmen können. Ödipus wird erst im Verlauf der Tragödie schuldig, weil er sein schreckliches Erbe nicht verantwortungsbewusst übernimmt.

An entscheidenden Stellen zieht Ödipus die falschen Schlüsse, vermeidet Selbsterkenntnis und bleibt blind. Diese Entscheidung, nicht sehen und erkennen zu wollen, führt ihn zurück zum Schoß seiner Mutter. Ödipus' Schuld entsteht nicht einfach durch die Beschlüsse des Olymp. Nicht die Götter machen ihn zum Schuldigen, er selbst ist es, der schuldig wird, weil er sich weigert, Verantwortung da zu übernehmen, wo es seine Eltern und Ahnen nicht taten.

Die ungelösten Konflikte der Eltern und Vorfahren werden unweigerlich zu jenen der Kinder. Sich der Vergangenheit zu stellen, damit sie nicht auch zur eigenen Zukunft wird, ist die verantwortungsbeladene Aufgabe jeder neuen Generation.

Das ist auch der Kern psychoanalytischer Therapie: Freuds berühmter Satz, "wo Es war, soll Ich werden", meint diese Bewusstheit über die eigene Herkunft, die die Freiheit schafft, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, statt es - wie Ödipus - bloß zu erleiden."
Aus: FR vom 4. Sept. 2007

Klaus K.
05.09.2007, 01:20
Dass es eine Jugend gibt, daran glaube ich bis heute nicht. Vor allem glaube ich nicht daran, dass es so etwas wie ein Erwachsenensein gibt.

Nach der Kindheit kommt die Jugend, und da kommen die Fragen. Von all diesen Fragen wird nie eine beantwortet werden, und anschließend steht der Mensch vor dem Scheideweg: Entweder er vergisst nicht, dass die Fragen nicht beantwortet worden sind - dann bleibt er, was er ist, sozusagen ein Jugendlicher. Oder er hört mit dem Fragen wieder auf, erklärt die Handlungsrealität des Alltags zum wahren und richtigen Sein (mit einem "es ist halt so!") und lebt wieder wie ein Kind, in einem ähnlich vorgegebenen, normativen Rahmen.

"Meine Engel
Die Lüge ist das Gesetz der Erwachsenen

Andreas Maier
Dass es eine Jugend gibt, daran glaube ich bis heute nicht. Vor allem glaube ich nicht daran, dass es so etwas wie ein Erwachsenensein gibt. Der Begriff des Erwachsenen ist ein Euphemismus und steht dem des Kindes meines Erachtens näher als dem Jugendlichen. Dennoch werden die drei Begriffe Kindheit, Jugend, Erwachsenendasein ständig in eine bestimmte Reihenfolge gebracht und teilweise gegeneinander ausgespielt, und zwar, wie leicht zu beobachten ist, stets zugunsten der Erwachsenen, die ja die Diskurshoheit haben.

Kleine Kinder mag so gut wie jeder. Es ist an fast allen Menschen zu beobachten, dass sie sich sehr gern auf die Stufe "des Kindes" zurückfallen lassen, wenn sie ein Kind sehen, wenn auch nur für Minuten. Als wohne dem Kinderdasein eine größere, lange vermisste und während des eigenen Alltags stets verlorengehende Wahrheit inne. Besucht man mit einem Kind den Spielplatz, löst sich die Zeit auf. Man betrachtet das Kind und sein Tun dann etwa so, wie man die Wellen des Meeres betrachtet. Es hat etwas von einer Urgewalt, von einem gottgegebenen, unverfügbaren Rhythmus, und man kann es stundenlang tun.
Jugendliche mögen nur wenige. Ein Freund von mir pflegt zu sagen, der Vorteil von Hunden gegenüber leiblichen Kindern ist, dass Hunde sterben, wenn es bei den Kindern kompliziert wird, also mit etwa fünfzehn. Wodurch eine Regel vorgegeben scheint, nämlich dass Menschen, die vorher noch Kinder und einfach und wahr (und süß) waren wie Hunde, jetzt kompliziert und problematisch werden.

Zur Person
Andreas Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, veröffentlichte zuletzt den Band "Bullau" (zusammen mit Christine Büchner), die Poetikvorlesung "Ich" und den Roman "Kirillow".

Unserer Jugend gilt diese Sommerserie. Gesucht ist der subjektive, poetische Blick auf jenes Alter, das als schwierig gilt. Bisher schrieben Georg Klein (16.6.), Antje Rávic Strubel (30.6.), Ulf Erdmann Ziegler (14.7.).
Die Jugendlichen quengeln, stellen komplizierte Fragen (die ohnehin niemand beantworten kann), sie hängen einer pseudophilosophischen Sinn-des-Lebens-Suche an und stellen das Tun der Erwachsenen, die sie ernähren, bei denen sie wohnen und durch die sie ihre Ausbildung genießen, infrage. Aus der Sicht des Erwachsenen ist das grotesk. Der Erwachsene selbst hat sich um seine Ausbildung bemüht, hat Geld verdient, hat einen Hausstand gegründet, hat sich mit Mühe durch die Welt gearbeitet, und alles das, was dem Spross dient, stellt dieser in Frage. Deshalb mögen viele Menschen keine Jugendlichen. Sie scheinen ihnen unfertig und werden erst später begreifen, worauf es "wirklich" ankommt. Durch Worte können sie dort nicht hingebracht werden, das begreift man erst, wenn man selbst "verantwortungsvoll" lebt etc.

Ob Erwachsene Erwachsene mögen, ist eine etwas tautologische Frage. Sie halten die Welt, in der sie leben, für eine normale Welt, die nach normalen, allgemeingültigen, unabänderlichen und letzten Endes vernünftigen Gesetzen verläuft. Der tief verwurzelte Glaube an die Vernünftigkeit dieser Gesetze geht so weit, dass sehr vieles in der Erwachsenenwelt möglich ist, von Konzentrationslagern bis hin zu Atomkraftwerken, von sechzig Millionen Pkw in der Bundesrepublik bis hin zum kriegsmäßigen Untergang alle paar Dekaden. Dass die Lüge das allgemeine Gesetz der (erwachsenen) Menschheit ist, ist ein so banaler Satz, dass er schon im Augenblick des Ausgesprochenwerdens langweilt. Er ist eine einfache Grundwahrheit, jeder weiß um dieses menschliche Grundgesetz, also akzeptieren wir es einfach. Wäre dieses Grundgesetz nicht so tausendfach am Tag akzeptiert, wäre der Satz, dass die Lüge das Gesetz der Menschheit ist, nicht so banal.

Wer sich darüber beklagt, ist dumm oder, wie es gern heißt, pubertär. Also in der Jugend steckengeblieben. Und in der Tat, dem kleinen, banalen Satz von der allgemeinen Lüge stehen ganze, weltumspannende Batterien von jederzeit abrufbarer Gutheitsrhetorik gegenüber. Dazu muss man sich nur Stellungnahmen von Politikern, Verbandsmitgliedern, Vereinsvorsitzenden, Familieneltern etc. bis hin zu Ceausescu oder, um unsere rhetorische Lieblingsfigur (neben Christus) zu nehmen, Hitler anschauen. Da sagt ja keiner, seine Ziele seien fragwürdig oder vielleicht doppelgesichtig oder einfach bekanntermaßen gefährlich oder bösartig, sondern alle tun das Beste, stellen den Verband als einzigen Wahrheitsträger heraus, sehen in dem jeweiligen Verein das Wichtige schlechthin, behaupten über ihre Kinder, es sei eine nicht selbstverständliche Leistung gewesen, sondern ein Akt positiven, selbstlosen Entschlusses, die Kinder großzuziehen (das sagen übrigens meistens die Eltern von zeitlich kontrolliert gezeugten Wunschkindern), und Ceausescu tat alles aus Liebe zum Volk, und Hitler aus Liebe nicht nur für Deutschland, sondern zu Europa. Das sind alles Erwachsene, das ist die jederzeit abrufbare Gutheitsrhetorik, und alle sind vollkommen daran gewöhnt, und wer Einspruch dagegen erhebt (der immer nur zwecklos sein kann), ist steckengeblieben, auch wenn er selbst vielleicht gar nicht Teil einer Jugendbewegung sein möchte und auch nie auf den Gedanken käme.

Am meisten hat mich, als ich sechzehn, siebzehn Jahre alt war, anzuwidern begonnen (das dauert bei mir bis heute an), dass Jesus Christus so annektiert wurde von den Erwachsenen, denen ich nicht traute und denen ich bis heute nicht traue. Mit Jesus Christus (aus dem natürlich sofort eine Amtskirche gemacht worden ist) wäre nie und nimmer ein Staat zu machen gewesen, weder unter den Römern noch heute in der Bundesrepublik. (Dafür wurde dann die Kirche in der Nachfolge Christi selbst zum Staat).
Friedrich Nietzsche, der bei fortschreitender literarischer Wut immer mehr zum Kursivnietzsche wurde, schrieb, als schon fast alles in seinen Texten kursiviert war, einige Worte über Jesus Christus, die fast von Hochachtung künden (er nennt ihn sogar einmal einen Freigeist, beim Kursivnietzsche die höchste aller Lobmöglichkeiten, er glaubte ja selbst einer zu sein in seiner Kursivierungswut).

Mit Jugendlichen ist kein Staat zu machen, sie haben "noch" nicht gelernt, "verantwortungsvoll" zu leben (beim Reden über die Jugend und die Erwachsenen wird der Autor vorliegender Zeilen zum Anführungszeichenautor). Was Nietzsche über Jesus schreibt, könnte zur Beschreibung der jungen pubertierenden Romantiker (die den "Sinn des Lebens" erst noch begreifen werden) genauso gut dienen:

"Die Kultur ist ihm nicht einmal vom Hörensagen bekannt, er hat keinen Kampf gegen sie nötig - er verneint sie nicht ... Dasselbe gilt vom Staat, von der ganzen bürgerlichen Ordnung und Gesellschaft, von der Arbeit, vom Kriege ... Insgleichen fehlt die Dialektik, es fehlt die Vorstellung dafür, dass ein Glaube, eine ,Wahrheit' durch Gründe bewiesen werden könnte (- seine Beweise sind innere ,Lichter', innere Lustgefühle und Selbstbejahungen ...". Ein Jugendlicher könnte nie diskursfähig begründen, wieso er "den Staat" scheiße oder egal findet, ebensowenig, wie er zu meiner Zeit (vor über zwanzig Jahren) mit wirklichen Gründen darlegen konnte, warum man The Smiths hört (und darin eine große "Wahrheit" sieht), und warum man Eurythmics oder Sting keinesfalls hört.

Ich kann mir den Unterschied, den die Erwachsenen erfunden haben zwischen den Jugendlichen und sich, nur so erklären. Der Jugendliche ist der Mensch, dem die Initiation zum Lügner noch bevorsteht. Vorher gilt er als unreif. "Verantwortlich leben" dieses Wort ist vielleicht aus der Blickwinkel der Kinder sinnvoll, denn die werden vom Erwachsenen ernährt, er lebt also für das Kind verantwortlich. Aus der Perspektive der kompletten übrigen Welt ist das Wort "verantwortlich leben" blanker Hohn, und die Bezeichnung Euphemismus wäre selbst sehr euphemistisch.

Nach der Kindheit kommt die Jugend, und da kommen die Fragen. Von all diesen Fragen wird nie eine beantwortet werden, und anschließend steht der Mensch vor dem Scheideweg: Entweder er vergisst nicht, dass die Fragen nicht beantwortet worden sind - dann bleibt er, was er ist, sozusagen ein Jugendlicher. Oder er hört mit dem Fragen wieder auf, erklärt die Handlungsrealität des Alltags zum wahren und richtigen Sein (mit einem "es ist halt so!") und lebt wieder wie ein Kind, in einem ähnlich vorgegebenen, normativen Rahmen. Diesmal nicht durch die Eltern, sondern durch die "zivilisierte" Welt. Er ist aus dem Wahrheitszustand, den er vielleicht einige kurze Jahre, oder sei es nur ein winziges Jährchen, oder nur drei Monate, erlebt hatte, wieder herausgefallen.

"Meine Engel
Die Lüge ist das Gesetz der Erwachsenen

Andreas Maier
Dass es eine Jugend gibt, daran glaube ich bis heute nicht. Vor allem glaube ich nicht daran, dass es so etwas wie ein Erwachsenensein gibt. Der Begriff des Erwachsenen ist ein Euphemismus und steht dem des Kindes meines Erachtens näher als dem Jugendlichen. Dennoch werden die drei Begriffe Kindheit, Jugend, Erwachsenendasein ständig in eine bestimmte Reihenfolge gebracht und teilweise gegeneinander ausgespielt, und zwar, wie leicht zu beobachten ist, stets zugunsten der Erwachsenen, die ja die Diskurshoheit haben.

Kleine Kinder mag so gut wie jeder. Es ist an fast allen Menschen zu beobachten, dass sie sich sehr gern auf die Stufe "des Kindes" zurückfallen lassen, wenn sie ein Kind sehen, wenn auch nur für Minuten. Als wohne dem Kinderdasein eine größere, lange vermisste und während des eigenen Alltags stets verlorengehende Wahrheit inne. Besucht man mit einem Kind den Spielplatz, löst sich die Zeit auf. Man betrachtet das Kind und sein Tun dann etwa so, wie man die Wellen des Meeres betrachtet. Es hat etwas von einer Urgewalt, von einem gottgegebenen, unverfügbaren Rhythmus, und man kann es stundenlang tun.
Jugendliche mögen nur wenige. Ein Freund von mir pflegt zu sagen, der Vorteil von Hunden gegenüber leiblichen Kindern ist, dass Hunde sterben, wenn es bei den Kindern kompliziert wird, also mit etwa fünfzehn. Wodurch eine Regel vorgegeben scheint, nämlich dass Menschen, die vorher noch Kinder und einfach und wahr (und süß) waren wie Hunde, jetzt kompliziert und problematisch werden.

Zur Person
Andreas Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, veröffentlichte zuletzt den Band "Bullau" (zusammen mit Christine Büchner), die Poetikvorlesung "Ich" und den Roman "Kirillow".

Unserer Jugend gilt diese Sommerserie. Gesucht ist der subjektive, poetische Blick auf jenes Alter, das als schwierig gilt. Bisher schrieben Georg Klein (16.6.), Antje Rávic Strubel (30.6.), Ulf Erdmann Ziegler (14.7.).
Die Jugendlichen quengeln, stellen komplizierte Fragen (die ohnehin niemand beantworten kann), sie hängen einer pseudophilosophischen Sinn-des-Lebens-Suche an und stellen das Tun der Erwachsenen, die sie ernähren, bei denen sie wohnen und durch die sie ihre Ausbildung genießen, infrage. Aus der Sicht des Erwachsenen ist das grotesk. Der Erwachsene selbst hat sich um seine Ausbildung bemüht, hat Geld verdient, hat einen Hausstand gegründet, hat sich mit Mühe durch die Welt gearbeitet, und alles das, was dem Spross dient, stellt dieser in Frage. Deshalb mögen viele Menschen keine Jugendlichen. Sie scheinen ihnen unfertig und werden erst später begreifen, worauf es "wirklich" ankommt. Durch Worte können sie dort nicht hingebracht werden, das begreift man erst, wenn man selbst "verantwortungsvoll" lebt etc.

Ob Erwachsene Erwachsene mögen, ist eine etwas tautologische Frage. Sie halten die Welt, in der sie leben, für eine normale Welt, die nach normalen, allgemeingültigen, unabänderlichen und letzten Endes vernünftigen Gesetzen verläuft. Der tief verwurzelte Glaube an die Vernünftigkeit dieser Gesetze geht so weit, dass sehr vieles in der Erwachsenenwelt möglich ist, von Konzentrationslagern bis hin zu Atomkraftwerken, von sechzig Millionen Pkw in der Bundesrepublik bis hin zum kriegsmäßigen Untergang alle paar Dekaden. Dass die Lüge das allgemeine Gesetz der (erwachsenen) Menschheit ist, ist ein so banaler Satz, dass er schon im Augenblick des Ausgesprochenwerdens langweilt. Er ist eine einfache Grundwahrheit, jeder weiß um dieses menschliche Grundgesetz, also akzeptieren wir es einfach. Wäre dieses Grundgesetz nicht so tausendfach am Tag akzeptiert, wäre der Satz, dass die Lüge das Gesetz der Menschheit ist, nicht so banal.

Wer sich darüber beklagt, ist dumm oder, wie es gern heißt, pubertär. Also in der Jugend steckengeblieben. Und in der Tat, dem kleinen, banalen Satz von der allgemeinen Lüge stehen ganze, weltumspannende Batterien von jederzeit abrufbarer Gutheitsrhetorik gegenüber. Dazu muss man sich nur Stellungnahmen von Politikern, Verbandsmitgliedern, Vereinsvorsitzenden, Familieneltern etc. bis hin zu Ceausescu oder, um unsere rhetorische Lieblingsfigur (neben Christus) zu nehmen, Hitler anschauen. Da sagt ja keiner, seine Ziele seien fragwürdig oder vielleicht doppelgesichtig oder einfach bekanntermaßen gefährlich oder bösartig, sondern alle tun das Beste, stellen den Verband als einzigen Wahrheitsträger heraus, sehen in dem jeweiligen Verein das Wichtige schlechthin, behaupten über ihre Kinder, es sei eine nicht selbstverständliche Leistung gewesen, sondern ein Akt positiven, selbstlosen Entschlusses, die Kinder großzuziehen (das sagen übrigens meistens die Eltern von zeitlich kontrolliert gezeugten Wunschkindern), und Ceausescu tat alles aus Liebe zum Volk, und Hitler aus Liebe nicht nur für Deutschland, sondern zu Europa. Das sind alles Erwachsene, das ist die jederzeit abrufbare Gutheitsrhetorik, und alle sind vollkommen daran gewöhnt, und wer Einspruch dagegen erhebt (der immer nur zwecklos sein kann), ist steckengeblieben, auch wenn er selbst vielleicht gar nicht Teil einer Jugendbewegung sein möchte und auch nie auf den Gedanken käme.

Am meisten hat mich, als ich sechzehn, siebzehn Jahre alt war, anzuwidern begonnen (das dauert bei mir bis heute an), dass Jesus Christus so annektiert wurde von den Erwachsenen, denen ich nicht traute und denen ich bis heute nicht traue. Mit Jesus Christus (aus dem natürlich sofort eine Amtskirche gemacht worden ist) wäre nie und nimmer ein Staat zu machen gewesen, weder unter den Römern noch heute in der Bundesrepublik. (Dafür wurde dann die Kirche in der Nachfolge Christi selbst zum Staat).
Friedrich Nietzsche, der bei fortschreitender literarischer Wut immer mehr zum Kursivnietzsche wurde, schrieb, als schon fast alles in seinen Texten kursiviert war, einige Worte über Jesus Christus, die fast von Hochachtung künden (er nennt ihn sogar einmal einen Freigeist, beim Kursivnietzsche die höchste aller Lobmöglichkeiten, er glaubte ja selbst einer zu sein in seiner Kursivierungswut).

Mit Jugendlichen ist kein Staat zu machen, sie haben "noch" nicht gelernt, "verantwortungsvoll" zu leben (beim Reden über die Jugend und die Erwachsenen wird der Autor vorliegender Zeilen zum Anführungszeichenautor). Was Nietzsche über Jesus schreibt, könnte zur Beschreibung der jungen pubertierenden Romantiker (die den "Sinn des Lebens" erst noch begreifen werden) genauso gut dienen:

"Die Kultur ist ihm nicht einmal vom Hörensagen bekannt, er hat keinen Kampf gegen sie nötig - er verneint sie nicht ... Dasselbe gilt vom Staat, von der ganzen bürgerlichen Ordnung und Gesellschaft, von der Arbeit, vom Kriege ... Insgleichen fehlt die Dialektik, es fehlt die Vorstellung dafür, dass ein Glaube, eine ,Wahrheit' durch Gründe bewiesen werden könnte (- seine Beweise sind innere ,Lichter', innere Lustgefühle und Selbstbejahungen ...". Ein Jugendlicher könnte nie diskursfähig begründen, wieso er "den Staat" scheiße oder egal findet, ebensowenig, wie er zu meiner Zeit (vor über zwanzig Jahren) mit wirklichen Gründen darlegen konnte, warum man The Smiths hört (und darin eine große "Wahrheit" sieht), und warum man Eurythmics oder Sting keinesfalls hört.

Ich kann mir den Unterschied, den die Erwachsenen erfunden haben zwischen den Jugendlichen und sich, nur so erklären. Der Jugendliche ist der Mensch, dem die Initiation zum Lügner noch bevorsteht. Vorher gilt er als unreif. "Verantwortlich leben" dieses Wort ist vielleicht aus der Blickwinkel der Kinder sinnvoll, denn die werden vom Erwachsenen ernährt, er lebt also für das Kind verantwortlich. Aus der Perspektive der kompletten übrigen Welt ist das Wort "verantwortlich leben" blanker Hohn, und die Bezeichnung Euphemismus wäre selbst sehr euphemistisch.

Nach der Kindheit kommt die Jugend, und da kommen die Fragen. Von all diesen Fragen wird nie eine beantwortet werden, und anschließend steht der Mensch vor dem Scheideweg: Entweder er vergisst nicht, dass die Fragen nicht beantwortet worden sind - dann bleibt er, was er ist, sozusagen ein Jugendlicher. Oder er hört mit dem Fragen wieder auf, erklärt die Handlungsrealität des Alltags zum wahren und richtigen Sein (mit einem "es ist halt so!") und lebt wieder wie ein Kind, in einem ähnlich vorgegebenen, normativen Rahmen. Diesmal nicht durch die Eltern, sondern durch die "zivilisierte" Welt. Er ist aus dem Wahrheitszustand, den er vielleicht einige kurze Jahre, oder sei es nur ein winziges Jährchen, oder nur drei Monate, erlebt hatte, wieder herausgefallen.

Anschließend beginnt er zu Gott und Jesus Christus zu beten und meint damit vielleicht sogar genau das Gegenteil. Er macht einen Staat und betet zu dem, mit dem keiner zu machen gewesen wäre. So täuscht er sich über das hinweg, was er ist, seitdem er "erwachsen" ist. Ein Exekutor des angeblich allgemeinen, vernünftigen Weltgesetzes.

Der andere, der Berufsjugendliche, ist dagegen zu ewiger Peinlichkeit verurteilt, weil er im begründenden Diskurs nur verlieren kann. Als Jugendlicher wird er noch geduldet (man sieht seinen Zustand bloß als eine Art vorübergehende Krankheit an). Ist er zehn Jahre älter, muss er entweder ein Heiliger geworden sein, oder er sollte sich endgültig klarmachen, dass er nicht an Diskursen teilnehmen sollte, die nur und ausschließlich für die da sind, die einen Staat machen wollen und es auch tun, mit allen üblichen Konsequenzen, bis ans Ende aller Zeiten."

Gefunden von Klaus K.
Wie immer in der FR, die zusehends neo-liberaler wird. Immerhin gibt es sie noch. Einstmals repräsentierte die TIMES (Sherlock Holmes) die Wahrheit, dann die PRAWDA. Lange her. MARX schrieb in der RHEINISCHEN ZEITUNG. Heute stehen die sogenannten BLOGS für non-affirmative Nachrichten.

WAS Farbe = WAHRHEIT ist, ergibt sich bestenfalls als INTUITION aus all den Farben und ihren AB-SCHATTIERUNGEN und WEIß und SCHWARZ und allen GRAU-Temperaturen.

Wie heißt es so schön bei Goethen im FAUST: "Da steh ich nun/ ich armer Thor/ und bin so klug als wie zuvor."