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Roderig
17.09.2007, 11:28
Pétanque-WM in Thailand
Schade Frankreich, alles ist vorbei
von Willi Germund
Für Frankreich bahnt sich ein Desaster an: Das Mutterland des Pétanque-Spiels droht seinen WM-Titel zu verlieren - an Thailand. Dort genießt die Boulevariante eine bizarre Popularität.
Dicke schwarze Wolken hängen über dem Huamark-Nationalstadion. Nebenan kommt der Verkehr auf der Ramkamhaeng-Straße zum Erliegen - wie immer, wenn Platzregen über Bangkok hereinbricht. Knöcheltief stehen die Pétanque-Spielfelder vor den Tribünen schon unter Wasser. Anek Phukok, thailändischer Pétanque-Nationaltrainer, zuckt mit den Schultern. "Wir haben da ein Sprichwort", sagt der 63-Jährige. "Ob es regnet oder deine Frau fremdgeht, an beidem kannst du nichts ändern." Jetzt fällt wegen des Unwetters eben das Training aus.

Anek scheint der Platzregen aber ganz gut ins Konzept zu passen. Auf diese Weise gibt es keine lästigen Beobachter am Spielfeldrand.

Schon bei der Terminabsprache war er misstrauisch gewesen. "Wollen Sie uns ausspionieren?", hatte er gefragt.

Pétanque ist in Thailand nicht bloß ein Freizeitspaß. Es ist viel mehr als das. Natürlich: In Frankreich, dem Mutterland dieser Boulevariante, gibt es praktisch in jedem Dorf einen Pétanque-Platz. Wie selbstverständlich ist das Wurfspiel mit französischem Lebensgefühl verbunden; selbst in Deutschland ist es für Frankophile heute normal, im Stadtpark mit Metallkugeln herumzuwerfen. Aber in Thailand hat die Randsportart ganz andere Dimensionen erreicht: Die Leute sind verrückt nach Pétanque. Oder besser: Nach "Beton", denn in Südostasien hat man Schwierigkeiten mit harten europäischen Konsonanten.

Wenn nun am kommenden Dienstag die "Beton"-WM ausgerechnet im thailändischen Pattaya beginnt, wird Geschichte gemacht. Nicht nur, weil über 60 Nationen aus Afrika, Asien, Europa und Amerika erwartet werden: Thailand ist Geheimfavorit und wild entschlossen, Dauermeister Frankreich den WM-Titel im Triplette wegzuschnappen, der Königsdisziplin. Und das auch noch in dem Jahr, in dem Pétanque 100 Jahre alt wird.

Die Regeln des Spiels sind nicht schwer: Zwei Teams treten gegeneinander an und werfen abwechselnd mit Metallkugeln - sogenannten Boules - nach einem kleinen Holzbällchen, das in etwa zehn Metern Entfernung auf dem Boden liegt. Das Team, dessen Boules am nächsten an der Holzkugel (dem "Schweinchen") liegen bleiben, bekommt Punkte.

Das Geheimnis liegt in einer ruhigen Hand, einem kühlen Kopf - und in den Details. "Ich habe seit Ende August in Pattaya die 30 Turnierplätze vorbereitet", sagt Nationalcoach Anek Phukok und lächelt vielsagend. Der Mann mit dem kleinen Bierbauch und den pechschwarzen Haaren weiß: Die Platzbedingungen können entscheiden über Sieg und Niederlage. "Einer der Vorteile, die das Ausrichterland besitzt, ist die Bodenbeschaffenheit", sagt er, "weil wir länger als andere auf den Plätzen trainieren können." Und welchen Boden gibt es dann in Pattaya? Das bleibt natürlich geheim, und deshalb tut Anek das, was man im Land des Lächelns eben so macht, wenn man keine Antwort geben will: Er lächelt.

Auch in Frankreich trifft man natürlich Vorkehrungen für die Weltmeisterschaft. Die Hoffnungen ruhen auf Bruno Le Boursicaud, dem Star der Pétanque-Szene: ein 29-jähriger Korse mit gestutzten dunklen Haaren, mit Ohrring und einer schicken Homepage im Internet. Vier Goldringe zieren seine Hände, eine goldene Kette baumelt um den Hals. Auf seiner Heimatinsel ist "Bruno L. B." der Größte, ein Mann, der keine Straße überqueren kann, ohne dass ihn Autogrammjäger ansprechen. Zum 100. Jahrestag der 1907 in Marseille erfundenen Volkssportart soll er möglichst viele Titel nach Hause holen. Ehrensache: Schließlich konnten die Franzosen seit dem ersten Turnier im Jahr 1959 ganze 23 Weltmeisterschaften gewinnen, die letzten sechs räumten sie in Folge ab.

Auf die WM in Pattaya bereitet sich Le Boursicaud vor allem mit Massagen und einer Diät vor. Viereinhalb Kilo hat der Athlet schon runter. Außerdem spielt er regelmäßig Pétanque, und zwar am Strand. Das muss reichen: Systematischere Trainingseinheiten sind in Europa eher unüblich. Was soll man da üben, wenn einem das Spiel ohnehin in die Wiege gelegt ist?
Frankreichs Dominanz gerät ins Wanken
Vielleicht liegt es auch daran, dass Frankreichs Dominanz allmählich ins Wanken gerät. Pétanque scheint ein weiterer dieser Fälle zu werden, bei dem fleißige Asiaten die phlegmatische Konkurrenz aus Europa überflügeln. Mehr und mehr geht den französischen Klubs bereits der Nachwuchs aus - Pétanque gilt als Beschäftigung von Rentnern. Als wäre das nicht genug, gab es in letzter Zeit auch noch Probleme mit Gewalt auf dem Platz. Ein Regionalverband im Burgund musste kürzlich sämtliche Partien absagen, nachdem sich betrunkene Pétanque-Spieler mit ihren Metallkugeln beworfen hatten. Die französische Presse hat sogar schon ein Wort für dieses Phänomen gefunden: "le bouliganisme".

Thailand hingegen nimmt die Sache mit Disziplin und feurigem Eifer. "Beton" ist eine von bloß fünf Sportarten, die offiziell vom Staat gefördert werden. 30.000 Aktive gibt es und 300 eingetragene Pétanque-Vereine. Spitzenspieler treten in die thailändische Armee ein, wo sie neben dem militärischen Drill trainieren und vom Staat bezahlt werden. So kommt es, dass Thailands WM-Hoffnung im Hauptberuf Scharfschütze ist: Corporal Thaleungkiat Phusa-Ad, 31 Jahre alt, aus der Stadt Ayutthaya.

Eine dunkle Sonnenbrille schützt die Augen des Mannes mit dem blau-weißen Trainingsanzug. Der etwas füllige Soldat hält drei Metallkugeln in seinen kleinen Händen und gibt sich siegesgewiss. "Wir haben die größeren Chancen", sagt er, "wir kennen den Boden, die Konkurrenz muss sich außerdem an unser tropisches Klima gewöhnen."

Seit Wochen lebt er im Trainingslager und übt täglich sechs Stunden. Bisher hat der Champion nicht einmal sein Töchterchen sehen können, das am 2. September geboren wurde; immerhin schickt ihm seine Frau manchmal ein Handyvideo von der Kleinen. Das ist nicht das einzige Opfer, das er für die Weltmeisterschaft bringt: Der frisch gebackene Vater trägt nicht einmal den Ehering, weil er fürchtet, dass die Boules das Schmuckstück beschädigen könnten.

Dass Pétanque in Thailand so populär ist, liegt auch an der Monarchie. Vor dem Jahr 1975 war das Spiel noch weitgehend unbekannt. Die einzige Ausnahme: Prinzessin Srinakarinda, die Mutter des jetzigen Monarchen. Sie hatte Pétanque spielen und lieben gelernt, als sie mit ihrem Sohn in den 40er-Jahren in der Schweiz lebte. Doch erst, als 1975 ein anderer Thailänder, der in Frankreich studiert hatte, bei einer Audienz mit der Königinmutter von seiner Begeisterung für Pétanque erzählte, erinnerte sich Ihre Hoheit an das Spiel. Prinzessin Srinakarinda ließ prompt Pétanque-Plätze im Hof des Palasts anlegen und verdonnerte ihre Untergebenen dazu, mit ihr zu spielen. Und da fast alles, was Thailands Palast unternimmt, im Königreich als Vorbild übernommen wird, dauerte es nicht lang, bis überall die Eisenkugel rollte. So geht jedenfalls die Geschichte, die man sich im Land erzählt.
Fanatische Glücksspieler
Eine Rolle werden aber auch weniger royale Motive spielen. "Wir Thailänder mögen Pétanque besonders, weil wir fanatische Glücksspieler sind", sagt zum Beispiel Thamnoon Wanglee, der Vorsitzende von Thailands Pétanque-Vereinigung. Beim "Beton" kann man nämlich auf alles mögliche wetten: Wer seine Boule am nächsten an das "Schweinchen" manövriert beispielsweise oder wer beim Wurf die Kugel eines Konkurrenten trifft.

Thamnoon weiß: Die Franzosen sind eigens eine Woche früher angereist, um den Trainingsvorteil der Thailänder wettzumachen. "Aber wir werden gewinnen", sagt er. Bei der letzten WM hat es Thailand schon bis ins Halbfinale geschafft - jetzt soll der Heimvorteil genutzt werden. Die nagelneue, 4000 Zuschauer fassende Wettkampfhalle wird bis zum Bersten mit thailändischen Fans gefüllt sein. Und wenn die Boules erst einmal rollen, wird die berühmte Gastfreundschaft im Land des Lächelns schnell verschwinden. Schließlich geht es auch um die Ehre des Königreichs; selbst das Maskottchen Mister Yindee trägt ein Hemd in Gelb, der Farbe des seit über 60 Jahren amtierenden Monarchen Bhumibol.

Corporal Thaleungkiat Phusa-Ad stammt aus einer Familie, für die der Dienst am König zur Tradition gehört. Heute erhält er neben seinem Militärsold täglich 10 Euro Handgeld, sein Essen muss er selbst bezahlen. Von Sponsorenverträgen, wie Bruno Le Boursicaud sie hat, kann er nur träumen. Ungläubig reißt Thaleungkiat die Augen auf, als er erfährt, wie der Franzose seinen Ruhm vergoldet: Er betreibt eine eigene Modelinie, die "Bruno L. B." heißt und neben T-Shirts und Hosen knappe G-Strings anbietet. "Wenn ich die Möglichkeit hätte, so etwas Ähnliches zu machen, würde mich das natürlich interessieren", sagt er. "Für Hemden und Hosen jedenfalls. Mit Unterwäsche möchte ich nichts zu tun haben."

Ab kommenden Dienstag wird Corporal Thaleungkiat Phusa-Ad bei der WM seine Pflicht tun - für Thailand, für den König. Schon der Vater war Soldat, er brachte den Sohn zum Pétanque. "Ich habe in meiner Kindheit vor allem Fußball gespielt", sagt er. "Aber Pétanque hat mir gefallen, weil ich gegen ältere Leute siegen konnte. Und ich habe immer gewonnen."


Aus der FTD vom 15.09.2007
© 2007 Financial Times Deutschland

McBoule
23.09.2007, 14:56
Pétanque-WM in Thailand
Schade Frankreich, alles ist vorbei
von Willi Germund
Für Frankreich bahnt sich ein Desaster an: Das Mutterland des Pétanque-Spiels droht seinen WM-Titel zu verlieren - an Thailand. Dort genießt die Boulevariante eine bizarre Popularität.
Dies war ein sehr schön zu lesender Bericht, aber das Desaster wie vorhergesagt hat sich nun doch nicht erfüllt.
Damit bleibt Frankreich in Bezug auf Petanque wohl weiterhin das Mass der Dinge!

Mit freundlichen Grüßen
Roland

Clemens Bauer
23.09.2007, 15:27
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